Sehnsuchtsort am Tegernsee

Ruhe am „Lago di Bonzo“? Wer die sucht, könnte in Bad Wiessee fündig werden. Und auf der Seeblick-Terrasse eines Hotels, das nicht umsonst „Terrassenhof“ heißt

Morgenstimmung am Tegernsee

Text: Beate Strobel

Nichts ist zu hören. Also nahezu nichts, nur verschlafenes Entenquaken und erstes Kirchenglockengeläut, das über den See weht. Ansonsten: Stille.

Hotel "Terrassenhof"
Hotel „Terrassenhof“

Ja, Alwin I. hatte schon ein glückliches Händchen gehabt, als er 1938 das einstige Bierstüberl „Jodhütte“ in Bad Wiessee kaufte und dann später, nach dem Krieg, in das Hotel „Terrassenhof“ umwandelte. Sein Enkel, Alwin Gericke der Dritte, seufzt immer noch auf, wenn er auf die Terrasse tritt, auf der man unter knubbelig beschnittenen Bäumen sitzen und auf den sich direkt davor ausbreitenden Tegernsee schauen kann. Viel zu selten würdigt man ja als Hotelbesitzer, dass man dort leben darf, wo andere nur Urlaub machen können.

Der Ort ruht in sich

„Lago di Bonzo“ heißt man den Tegernsee ja gerne, aber während sich in den Orten Tegernsee und Rottach-Egern am gegenüberliegenden Ufer die Schickeria gegenseitig auf die teuren Schuhe tritt, ruht Bad Wiessee in sich. Vielleicht zu sehr, glaubt Gericke, denn seit der renommierte Jodschwefelhof gegenüber vom „Terrassenhof“ geschlossen wurde, ist es sehr still geworden in dem einst so belebten Heilbad.

Da legst di nieder! Ausruhen an der Bad Wiesseer Uferpromenade (Foto: Strobel
Da legst di nieder! Ausruhen an der Bad Wiesseer Uferpromenade

Dem Gast, der sich nach Stille sehnt, ist das wiederum nur Recht. Über Bad Wiessee liegt der Charme der Vergangenheit, was man nicht nur am ausgedienten öffentlichen Internet-Terminal am früheren „Haus des Gastes“ sieht. Gleichzeitig ist die weitläufige Uferpromenade mit ihren zahlreichen Sitz- und Liegemöglichkeiten ein Traum. Wandern kann man in der Gegend, bis die Füße schmerzen, und nicht alle Hütten hinter Bad Wiessee sind so überfüllt wie die Neureuth auf der Tegernseer Seite.

Hier werden alle glücklich

Stille kann ein Standortvorteil sein. Lange hatte Alwin Gericke III. mit sich gerungen, was er machen soll aus dem Familienbetrieb, der einst vor allem durch Kurgäste lebte. Schließlich entschied sich der Hotelbetriebswirt und zweifacher Vater, nicht mehr auf Gesundheitssuchende zu setzen, sondern (neben Tagungsgruppen im Winter) auf den klassischen Bayernurlauber, der Berge besteigen und am See die Seele baumeln lassen will. „Von null bis 88 Jahren werden hier doch alle glücklich“, meint Gericke.

Im "Terrassenhof" ein Zimmer mit Aussicht – und zwar über den See
Im „Terrassenhof“ ein Zimmer mit Aussicht – und zwar über den See

Umgebaut hat Gericke das 145-Betten-Haus, und dabei lauter Materialien verwendet, die authentisch für Bayern stehen: Holz, Stein, Granit. In der exzellenten Küche des Hauses wird regional gekocht; von der Wurst über Kuchen und Marmelade ist alles selbst gemacht. Die Steghütte des „Terrassenhof“ ist längst ein gut gebuchter, weil sensationell schöner Ort für Hochzeits- und Familienfeiern. „Ehrlichkeit. Und Tourismus, der von Herzen kommt“, sagt Gericke, als handele es sich dabei um ein Zauberwort: „Wir haben lange gebraucht, bis wir unsere Schiene gefunden hatten.“

Noch einen Sommer im „Leda & Schwan“

Bad Wiessee ist aktuell ein altgedienter Geheimtipp, doch Achtung: Bald soll es dort eine neue Kurklinik geben, und auch ein neues Superior-Hotel ist geplant, das dem Rottach-Egerner Seehotel „Unterfahrt“ Konkurrenz machen soll. Wer weiß, wie lange es noch bilderbuchruhig sein wird am Westufer des Sees?

Doch bis es soweit ist, fließt noch ein bisschen Wasser mit der Rottach hinein in den glitzerklaren Tegernsee und mit der Mangfall wieder hinaus. Und wenn jetzt an lauen Sommerabenden vor dem leer stehenden Hotel „Lederer“ die kultige Strandbar „Leda & Schwan“ wieder öffnet, organisiert von einer Handvoll junger Ortsansässiger, werden selbst die Wochenend-Tegernseer vom anderen Ufer neidisch hinüberschielen.

Zum Hotel „Terrassenhof“
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