„Irgendwann ist man dann eine Legende“

Die waren und sind "A bayrische Band": Die Kultgruppe Spider Murphy Gang ("Skandal im Sperrbezirk", "Schickeria") feiert in diesem Jahr 40jähriges Jubiläum. Und Frontmann Günther Sigl im Februar 2017 seinen 70. Geburtstag. Eine gute Gelegenheit, Danke zu sagen für jede Menge bayerische Evergreens.

Interview: Beate Strobel 

Herr Sigl, Gratulation zum 70ten! Passen sie denn noch, die Rock’n’Roll-Schuah?

Rock'n'Roll-Schuah. Quelle: Spider Murphy Gang
Rock’n’Roll-Schuah. Quelle: Spider Murphy Gang

Günther Sigl: Besser denn je, tät ich sagen. Jetzt sind sie erst richtig eingetanzt. Es läuft ja nach wie vor bei uns, wir spielen Konzerte, ich schreibe auch wieder Songs und mache Aufnahmen im Studio; ganz wunderbar ist das, wenn man noch so kreativ sein kann. Sicher, gesund muss man halt bleiben.

Hat es Ihnen gegraust vor dem 70. Geburtstag?

Aber woher, überhaupt nicht! 70 zu werden, das ist doch eine Leistung. Man muss es ja erst einmal leben, das Leben.

70 Jahre Günther Sigl, 40 Jahre Spider Murphy Gang: Hätten Sie gedacht, dass Sie Ihrer Band einmal mehr als die Hälfte Ihres Lebens widmen werden?

Das hat doch keiner geahnt, damals, als uns der Memo Rhein 1978 für drei Gigs und 800 Mark Gage für sein Schwabinger Jazzlokal „Memoland“ angeheuert hatte, weil ihn eine Band an Fasching versetzt hatte. Wir haben uns dann in München einen Ruf erspielt. Eines Tages ging ich mit meiner Bassgitarre Richtung Siegesstraße und sah eine Menschenschlange vor dem Memoland anstehen. ‚Da kommt der Sänger’, haben die Leute geraunt. Das war schon toll.

„Mit Musik kommt man immer durchs Leben“, soll Ihnen Ihr Vater geraten haben.

Ja, weil der in der Nachkriegszeit gesehen hatte, dass die Unterhaltungskünstler in den Kneipen oder Offizierskasinos immer etwas dichter dran waren am Futternapf als die anderen Leute. Deshalb hat mein Vater mir auch Geld gegeben, als ein Kumpel von den Pfadfindern seine Gitarre verkaufen wollte. 40 Mark hat die gekostet, und das Spielen habe ich mir selbst beigebracht. Doch als ich 1971 meine Anstellung als Bankkaufmann gekündigt habe, diesen todsicheren Job, ist mein Vater aus allen Wolken gefallen. Gott sei Dank hat er unseren Erfolg miterlebt. Da war er dann wieder versöhnt. Und auch stolz auf seinen Buam.

"Lieblingslieder der Bayern“: Doppel-CD mit 31 Titeln ab 10. Februar 2017; Sony Music Deutschland; UVP: ab 17,99 €
„Lieblingslieder der Bayern“: Doppel-CD mit 31 Titeln ab 10. Februar 2017; Sony Music Deutschland; UVP: ab 17,99 €

Auf der jetzt erschienenen Kompilation „Lieblingslieder der Bayern“ finden sich viele Songs der Spider Murphy Gang. Was würde in Ihrer persönlichen Hitliste ganz oben stehen?

Also der „Skandal im Sperrbezirk“ stünde sicher ganz weit oben. Aber „Sommer in der Stadt“ wäre auf jeden Fall auch dabei. Das ist eine Liebeserklärung an München, gesungenes Lebensgefühl. Bei mir kommen da ganz viele Erinnerungen hoch an die Zeit, als Schwabing, der Englischen Garten und die Isar noch unser Revier waren. Im Sommer sind wir am Wochenende oft gar nicht heimgefahren, sondern nach der Disco an die Isar runter und haben dort geschlafen. Und wenn wir morgens noch ein paar Mark in der Tasche gefunden haben, ging es zur Bäckerei Höflinger zum Frühstück. Damals habe ich das ganze Münchner Lebensgefühl richtig aufgesaugt. Die Stadt war eine Inspiration für mich.

Und heute?

Heute bin ich ja nicht mehr so viel unterwegs. Ab und zu, wenn wir unsere Unplugged-Konzerte im Münchner „Lustspielhaus“ geben, bin ich etwas früher dort und spaziere durch Schwabing und durch die Vergangenheit. Wobei sich dort natürlich Vieles geändert hat. Aber das hat man ja schon früher gesagt: Dass Schwabing nicht mehr das ist, was es mal war. Alles hat seine Zeit, sage ich immer. Und Erinnerungen aufwärmen – das bringt nichts.

Die Spider Murphy Gang hat schon „Mia san a bayrische Band“ gesungen, als alles noch Englisch sein musste. Heute ist Dialekt wieder angesagt. Freut Sie das?

Ja, weil man in seiner eigenen Sprache viel authentischer seine Gefühle ausdrücken kann. Im Englischen fällt man schnell in Klischees, die man aus anderen Liedern kennt. „Mit’m Frosch im Hois und Schwammerl in die Knie“ – dieses Gefühl kann man so nur auf Bayerisch sagen. Wobei es natürlich ein Treppenwitz ist, dass ausgerechnet ich mit Bayerisch so einen Erfolg gehabt habe.

Wieso? Sie sind doch gebürtiger Schongauer.

Spider Murphy Gang -unplugged
Günther Sigl am Mikro. Foto: Spider Murphy Gang

Ja, aber als ich zehn Jahre alt war, ist die Familie nach Karlsruhe gezogen. Dort habe ich nach wenigen Wochen schon Badensisch gesprochen, diesen Karlsruher Singsang. 1967 bin ich dann zurück nach München, wo mir klar wurde, dass ich mit Badensisch nicht weit kommen werde. Also habe ich mir ganz bewusst wieder das Münchnerische angeeignet.

1983 sind Sie als erste westdeutsche Band durch die DDR getourt. Hat man Sie dort verstanden?

Aber sicher. Das war für uns ein Ereignis damals, wir sind uns vorgekommen wie die Beatles. 40 000 Kartennachfragen in Karl-Marx-Stadt, obwohl in deren Stadthalle gerade mal 2000 Leute reingepasst haben. 15 000 Fans sind in Glauchau vor dem kleinen Theater gestanden. Wir waren damals selbst sehr überrascht.

Das erste Jubiläumskonzert zu „40 Jahre Spider Murphy Gang“ am 28. Oktober 2017 war auch sofort ausverkauft.

Deshalb haben wir ja ein Zusatzkonzert drangehängt. Wir waren nie die Lieblinge vom Feuilleton, aber die Leute mögen uns. Man muss nur durchhalten, auch in den schlechten Jahren, und dann ist man irgendwann eine Legende. Eine lebende, möchte ich betonen.

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