„Lachen kann eine Waffe sein“

Kabarettist Wolfgang Krebs im Echt-Bayern-Interview über das Austeilen von Watschen an Politiker – und warum er will, dass sein Publikum über Angela Merkel lacht.

Der multifunktionale Wolfgang Krebs (Foto: Gregor Wiese / Carsten Bunnemann)

Beinahe wäre das Echt Bayern-Interview mit Wolfgang Krebs im Deutschen Theater in München verhindert worden: Auf der Anreise wurde der Kabarettist von der Polizei aufgehalten, wegen eines kleineren Vergehens gegen die Straßenverkehrsordnung. „Aber ich bin doch der Ministerpräsident des ehemaligen Bayerns“, scherzt Krebs in bestem Stoiber-Ton. Der Polizist ist gleich höchst alarmiert: „Sind Sie ein Reichsbürger?“

Glücklicherweise hat Krebs es dann doch geschafft zum Gespräch über seine aktuelles Programm. Darin verteilt er einen Preis, den keiner will: den „Watschenbaum“ in Bronze, Silber oder Gold. Wolfgang Krebs, der Mann mit den vielen Polit-Gesichtern, stellt bei der großen „Watschenbaum-Gala“ zwar die Kandidaten vor, doch entscheiden muss das Publikum: Wer schießt aktuell den größten Bock, wer verzapft den größten Unsinn?

Interview: Beate Strobel

Herr Krebs, wie sind Sie auf den Watschenbaum als Show-Element gekommen?

Die „Watschenbaum-Gala“ ist entstanden, weil ich für die nächsten zwei Jahre ein sehr flexibles Programm brauchte. Wir stehen ja vor zwei großen Wahlen, 2017 Bundestagswahl, 2018 dann bayerische Landtagswahl. Da muss ich modular arbeiten, um immer wieder Personen austauschen zu können. Was weiß denn ich, was bis Ende 2018 alles passiert?

Wolfgang Krebs im Originalzustand (Foto: Rosenheimer)
Wolfgang Krebs im Originalzustand (Foto: Rosenheimer)

Zumal Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ja gerne Vieles offen lässt.

Ich gehe aber – Stand heute! – davon aus, dass Horst Seehofer noch einmal antritt. Und ich gehe weiter davon aus, dass ein bayerischer Politiker tatsächlich als CSU-Parteivorsitzender nach Berlin gehen wird. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Jemand dann Joachim Herrmann sein wird. Aber sollte heute oder morgen etwas passieren und Seehofer tritt zurück, wäre es möglich, dass Markus Söder mittlerweile seine Gefolgschaft so weit hinter sich hat, dass er Seehofers Nachfolge antreten könnte.

Ein Seehofer, der weitermacht, wäre Ihnen vermutlich lieber; schließlich ist er eine Ihrer Paraderollen.

Mir wird zumindest immer wieder bescheinigt, dass keiner ihn so gut kann wie ich. Beim Söder dagegen gibt es natürlich den Stephan Zinner, der ihn beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg spielt. Den hatte ich sicherheitshalber gefragt, ob ich mich auch am Söder versuchen kann. Mach ruhig, hat er gesagt: Du wirst mich außerhalb des Nockherbergs nicht als Söder erleben.

Bayern ist groß genug für zwei Söder?

Sehe ich auch so. Ein Söder braucht viele Doubles. Da werden noch mehr kommen.

Eine Angela Merkel dagegen beherrschen nicht viele – Sie aber schon, heißt es.

Aktuell ist es bei Merkel-Parodien zumindest in Bayern schwierig: Wenn du als Merkel auf die Bühne gehst, schwillt vielen Leuten im Publikum der Hals, das spüre ich richtig. Man kann sich heute nicht mehr in ein Bierzelt stellen und die Kanzlerin in Schutz nehmen. Da müssen Sie aufpassen, dass keine Maßkrüge fliegen. Schauen Sie, als Parodist kann man Leute vorführen oder aber auch unterstützen. Und letzteres ist mein Ziel gewesen bei Angela Merkel. 

Indem Sie die Leute dazu bringen, über sie zu lachen?

Ich will einfach, dass die Merkel mal beklatscht wird vom ganzen Publikum, und dass die Leute aus vollem Hals lachen können – nicht über sie, sondern mit ihr. Das ist vielleicht naiv, aber ich denke, dass damit schon viel gewonnen ist. Ich war bislang alles andere als ein glühender Merkel-Verehrer. Aber als sie die „Wir schaffen das“-Parole ausgegeben hat und trotz Gegenwind dabeigeblieben ist, hatte ich großen Respekt vor ihr. Mir geht es in dem Programm aber nicht darum, dem Publikum meine Meinung überzustülpen. Ich möchte nur in Sachen Merkel kurz die Reset-Taste drücken und die Leute kurz zum Nachdenken bringen, ob denn die Lage in Bayern seither wirklich so schlimm geworden ist. 

Wie viel Verständnis darf ein Kabarettist für seine Figuren haben?

Das ist eine ganz schwierige Sache, weil man natürlich ein anderes Verständnis entwickelt für jemanden, wenn man in dessen Rolle schlüpft. Horst Seehofer wird beispielsweise gerne angekreidet, dass er seine Meinung so oft ändert: Gestern war er für die dritte Startbahn, heute glaubt er, dagegen zu sein, und morgen ist er vielleicht wieder dafür. Aber er muss eben immer wieder neu entscheiden, ob das Recht des Einzelnen nun schwerer wiegt als das Recht der Gemeinschaft. Das abzuwägen, ist nicht leicht; so viel Verständnis habe ich mittlerweile als Politiker-Double. Alles ist immer viel komplexer, als wir Wähler glauben.

Also besteht Ihre Kunst darin, auf der Bühne Watschen zu verteilen, ohne dabei wehzutun?

Eigentlich watscht ja das Publikum die Politiker ab, indem es entscheidet, wer den Goldenen Watschenbaum verdient hat.

Aber Sie geben die Vorlage.

Das stimmt auch wieder. Ich sehe mich bei dem Programm ein bisschen auf der Seite der schweigenden Mehrheit. Derjenigen, die eben nicht rechtsradikal denken und sich engagieren für abstruse Theorien. Wussten Sie, dass für 80 Prozent der Hass-Posts im Internet gerade mal fünf Prozent der User verantwortlich sind? Eine Minderheit, die wie eine Mehrheit wirkt. 

Und wem verleiht die schweigende Mehrheit in der Regel den Goldenen Watschenbaum?

Ich will jetzt nichts vorwegnehmen, aber es läuft meist auf ein heißes Rennen zwischen der Alternative für Deutschland und Donald Trump hinaus. Spiele ich vor einem politisch stark engagierten Publikum, wird meist die AfD gewählt. Manchmal stöhnen aber auch die Leute auf, wenn ich gegen die AfD schieße. Ich selbst sehe die AfD als Bedrohung für unser Land, und das möchte ich auch vermitteln. Ich möchte die Leute durch das Auftrittserlebnis aus ihrer Filterblase führen und ihnen neue Perspektiven ermöglichen. Trotzdem ist an manchen Abenden der Applaus für Donald Trump höher.

Also ist das Umfallen des Watschenbaums auch für Sie jeden Abend eine Überraschung.

Auf jeden Fall. Mein Ziel ist aber vor allem, dass bei der „Watschenbaum-Gala“ wirklich jeder – egal welche politische Einstellung – etwas zu lachen hat. Lachen kann auch eine Waffe sein, weil man damit Autoritäten auflösen kann. Deshalb wird in der Kirche so selten gelacht. Was ich akzeptieren kann, ich war schließlich mal katholischer Ministrant – wie übrigens sehr viele Kabarettisten.

Würden Sie den Papst parodieren?

Ich habe den Papst bereits parodiert. Wenn das lustig ist und ihm nicht schadet, ist das okay für mich.

Aber ein Kandidat für den Watschenbaum ist Papst Franziskus doch wohl nicht, oder?

Momentan nicht…

 

Aktuell ist Wolfgang Krebs auf Tour mit der „Watschenbaum-Gala“ – am 22. Mai beispielsweise im Deutschen Theater in München:

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