Fasten-Blog: Leben ohne Kaffee

Da strahlt sie wieder: Die Fastenzeit ist um und Kollegin Caro darf endlich wieder ran an die Kaffeetasse.

Echt Bayern-Redakteurin Carolin Nuscheler hat von Aschermittwoch bis Ostern auf Kaffee verzichtet. So war zumindest der Plan. Die Verführungen waren zahlreich und die Nervenstärke sank parallel zum Koffein-Spiegel. Vorher trank sie mindestens vier Tassen pro Tag. Diese Fastenzeit war richtig hart.

Tag 1: Als ich mit dem Radl durch den kalten Morgen zur Arbeit fahre, träume ich von der heißen Tasse Kaffee, die ich mir in wenigen Minuten am Schreibtisch genüsslich zu Gemüte führen werde. Beinahe rieche ich schon das feine Aroma in meiner Nase. Bis mir einfällt: Mist.

Ein paar Meter weiter: Noch könnte ich alles abblasen. Immerhin habe ich noch niemandem von meinem Vorhaben erzählt. Ich müsste mich also nur vor mir selbst schämen. Halb so wild. Ich könnte es wie jedes Jahr machen: Auf nichts verzichten.

Och nööö. Auch langweilig. Irgendwie habe ich Lust, mich mal wieder ein bisschen zu quälen. Es geht nicht um das Koffein, auf das ich verzichten will. Mir geht es um den vielen Zucker, den ich mal eine Weile reduzieren will. Meine Formel: Ein Würfel pro Tasse Kaffee. Das sind vier Würfelzucker pro Tag. Kaffee ohne Zucker? Bäh. Also muss ich gleich alles weglassen. Auf geht’s!

Tag 3: Das mit der Müdigkeit habe ich mir schlimmer vorgestellt. Ich trinke morgens viel Wasser. Das soll ja auch gegen den morgendlichen Blues helfen, habe ich gelesen. Stimmt.

Tag 6: Noch vor der Arbeit radele ich im Teeladen vorbei. Ich brauche eine Alternative mit Geschmack. Wasser allein ist zu fad, da schläft mir ja der Gaumen ein. Außerdem nehme ich noch ein paar Äpfel und Bananen mit. Kann es sein, dass ich mehr Appetit habe ohne Kaffee? Ich könnte die ganze Zeit naschen!

Tag 9: Puh. Ein paar Tage frei. Außerhalb der Redaktion fällt es mir leichter auf Kaffee zu verzichten. Das galt zumindest bis gerade eben. Ich bin auf einer Skihütte mit Freunden. Es ist 8 Uhr, ich bin noch hundemüde und etwas verkatert vom Vorabend. Meine Nase ist schon hellwach: Kaffee!! Aus der Küche duftet es zu fein nach meinem Lieblingsgetränk. Der perfekte Moment für eine Tasse. Wie ferngesteuert werfe ich die Küchentüre auf, atme tief ein.

Ich stelle mir vor, wie ich einen Schuss Milch und etwas Zucker in die dunkelbraunen, heißen Wellen rühre. Und wie ich dann diese wunderbare Tasse langsam zu meinem Mund führe und…nein! Jetzt musst du stark sein, sage ich mir. Über eine Woche ist schon rum. Nimm die Tasse und mach dir einen Tee! Ich mache. Gegen meinen Willen.

Tag 12: Leicht angespannt mache ich mich auf den Weg zu meinem Papa. Man muss wissen, der hat die beste Kaffeemaschine auf der ganzen Welt. Dieser Milchschaum auf frischgemahlenem Kaffee. Mmmmh. Die Sonne scheint vors Haus, unser übliches Vorgehen wäre: Kaffee kochen, auf die Sonnenbank sitzen, ratschen. Wie soll ich mich verhalten?

Wir sitzen. Ohne Kaffee. Papas Maschine ist kaputt. Wie ironisch. 

Tag 15: Bei der Fortbildung: Das einzige, was mich seit Jahren durch solche einschläfernden Schulungstage rettet, ist Kaffee. Ich sitze vor der Kanne, wir spielen Wer schaut zuerst weg. Bis meine Sitznachbarin nach der Kanne greift und meinen Laserblick unterbricht. Sie schenkt sich eine Tasse ein. Als sie sich zwei Würfelzucker hinein rührt, motiviere ich mich mit Hochmut. Ha, die schafft’s nicht ohne das Zeug. Ich schon! ich bin ja so stark…

Tag 20: Ein Kumpel fragt mich um ein Kaffee-Date. Wir sind beide große Espresso-Liebhaber. Und philosophieren auch gern mal über das, was wir da in der Tasse haben. Ein Treffen mit ihm und einem Haferl Tee würde ich nicht durchhalten. Ich vertröste ihn auf ein Bier am Abend, um mich vor mir selbst zu schützen.

Tag 23: Halbzeit!! Ding, ding, ding!!

Tag 26 aka der bisher schlimmste Tag: Sonntag, 8.15 Uhr, der Wecker klingelt. Sooo früh ist das zwar nicht, aber ich war nach der Party erst gegen 5 Uhr im Bett. Und konnte dann noch nicht einmal einschlafen. Verdammtes Red Bull! Das nächste Mal gibt’s Wodka pur.

Aber es hilft nichts, ich muss raus aus den Federn. Nach dem Erfolg im großen Veranstaltungssaal an den beiden Vorabenden, tritt meine kleine, aber feine Theatergruppe heute für den guten Zweck in einem Altenheim auf. Treffpunkt 9 Uhr. Meinem Kater gefällt das gar nicht. Er knurrt leise.

Ich war nicht die einzige, die gestern (und vorgestern) nach dem Spiel lang gefeiert hat. Auch einige meiner Kollegen sehen etwas zerknittert aus. Auf dem Tisch in der Umkleide stehen Getränke für uns. Ich greife mir ein Wasser. Zum Glück gibt’s keinen Kaffee, denke ich. Ich weiß nicht, ob ich in meiner Verfassung gerade stark genug wäre, ihn auszuschlagen. Doch dann…

Plötzlich geht die Tür auf und die Heimleiterin schiebt einen großen Wagen mit Kaffeekannen und Tassen herein. Es duftet herrlich. Ich bin erledigt.

Meine Kollegen stürmen zum Buffet. Auch ich stehe auf. Müde, Verkatert, frierend, hungrig. Der Kaffee würde gegen alle meine Wehwehchen gleichzeitig helfen. Wundermittel, Zaubertrank. Und dabei würde er noch wunderbar schmecken. Ich schleiche um den Buffet-Wagen herum, als wäre er eine Antilope und ich ein hungriger Löwe. Mein Blick ist scharf, gleich fange ich an zu sabbern.

Halt, es ist nur Filterkaffee, sage ich mir. Kein Espresso, kein Cappuccino. Stinknormaler, langweiliger Filterkaffee. Der schmeckt doch gar nicht! Ich schaue weg. 27 Tage habe ich schon durchgehalten. Der erste Kaffee, den ich mir danach schmecken lasse, kann kein FILTERKAFFEE sein!!! 

Ich muss mir recht geben. Ich bin ja kein Banause. Sollte ich mit dem Fasten brechen, dann wenigstens wegen eines cremig-aufgeschäumten Cappuccino in der Sonne, oder wegen eines kräftigen Espresso nach einem feinem Dinner. Aber doch nicht mit Filterplörre! Ich wende mich ab.

14 Uhr: Geschafft. Ich bin wieder daheim, ohne Kaffee, dafür mit zwei Schnitzel im Bauch. Ich lege mich hin. Schlafen ist noch besser als Wachmacher.

Tag 30: In der Arbeit ist das Kaffeegeld fällig. Normalerweise komme ich nie unter acht Euro davon. Dieses Mal sind hinter meinem Namen nur drei Striche auf der Liste. Das sind die Tassen von Ende Februar. Ich muss nur 90 Cent blechen.

Die Kollegin, die das Geld eintreibt, schaut mich schief an. Sie kennt mein eigentliches Konsumverhalten. „Ich faste Kaffee“, antworte ich schnell. „Ohje, das könnte ich nie“, sagt sie und schaut mich mitleidig an. Trotzdem verlasse ich grinsend ihr Büro. Die gesparten Euro sind ein kleiner Trost für meine unendliche Selbstbeherrschung.

Tag 36: Ich werde ruhig. Im Büro stört es mich mittlerweile überhaupt nicht mehr, dass ich auf die lauwarme Filterplörre verzichten muss. Ich würdige die Kaffeemaschine keines Blickes mehr und greife schnell nach meinem Glas Wasser.

Die vergangenen Wochen habe ich bestimmt doppelt so viel Flüssigkeit zu mir genommen, als sonst. Fühlt sich gut an. 

Tag 39, Palmsonntag: T-Shirt-Wetter. Öha. Heute ist ein perfekter Tag für Eis und Kaffee in der Sonne. Nach einer Bergtour sitze ich mit einem Kumpel im Biergarten. Es ist Nachmittag. An den anderen Tischen bestellen die Leute fleißig Kuchen, dazu Cappuccino, Latte, Espresso. Ich beobachte, wie der Kellner fünf übervolle Hafen Kaffee auf seinem Tablett zum Nebentisch balanciert. Mann, hätte ich da jetzt Bock drauf.

Aber halt. Ich weiß schon gar nicht mehr so richtig, wie ein guter Kaffee schmeckt. Ich versuche eine Nase voller warmem Duft zu erhaschen, um mich an das feine Aroma zu erinnern. Klappt nicht, der Tisch ist zu weit weg. Ich rieche nichts, ich schmecke nichts. Ich blicke neidisch, aber ich kann mich nicht mehr so reinsteigern, wie anfangs. Die krassen Entzugserscheinungen sind anscheinend vorbei. Ich wende mich wieder meinem Radler zu. Auch nicht schlecht.

Tag 41: Noch fünf Tage. Zielgerade also. Den Sieg lass ich mir nun nicht mehr nehmen. Auf keinen Fall! Um mich für die Restwoche zu motivieren, schmiede ich Pläne für meine erste Tasse Kaffee, die ich am Ostersonntag nach unglaublichen 45 Tagen fasten, trinken werde. Sie soll perfekt sein.

Cappuccino, Espresso, oder Milchkaffee? Gehe ich ins Café? Setze ich mich auf den Balkon? Alleine? Mit Freunden? Mit Familie?

Ich grübele. Den weltbesten Kaffee macht immer noch mein Papa. Dazu hat er das sonnigste Sonnenbankerl, das ich kenne. Außerdem ist er der richtige, um diesen Moment mit mir zu begehen. Immerhin ist er selbst leidenschaftlicher Kaffeetrinker und -genießer. Er wird mich gebührend feiern. Da ist sicher. Es ist entschieden. Ich rufe ihn sofort an.

Tag 43: Beim Interviewtermin im Bayerischen Wald setzen wir uns an den Kaffeetisch. Mein Gesprächspartner bietet mir Kuchen an. Dazu eine Tasse Schwarztee. Extraguten, sagt er schnell. Mit Zitrone oder Rum, das schmecke super. Er uns seine Frau haben meinen Blog gelesen und sich extra vorbereitet. ich muss lächeln.

Auch am Folgetag, als ich bei einer früheren Kollegin zum Frühstücken aufkreuze, ist das Teewasser schon heiß. Ihre einzige Frage lautet: Früchte oder Kräuter? Kräuter.

Tag 45: Der Endgegner. Und der hat es in sich. Meine Mama hat Geburtstag, die ganze Family ist zum Brunch eingeladen. Zunächst keine allzu schwierige Situation für mich. Denn zum Essen trinke ich ohnehin nicht gerne Kaffee. Maximal zum Kuchen, keinesfalls aber zur Brezn.

Als ich zum wahrscheinlich fünften Mal ans Buffet hechte, fragt mich meine Tante plötzlich, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Ich könnte so tun, als wüsste ich es nicht und schnell weggehen. Oder nach meiner Mama schreien. Wie ein Kleinkind. Nein. Ich muss mich dem Endgegner stellen. 

Da stehe ich also, direkt vor dem Espresso-Macher, Auge in Auge, Zahn um Zahn. Wenn ich schnell mache, ist es auch schnell wieder vorbei, danke ich. Ich drehe also die Kelle heraus, schaufele zügig Espresso-Pulver hinein und schiebe sie zurück in die Maschine. Ich drücke den Knopf, dann brummt es.

Die dunkle Flüssigkeit rinnt in die Tasse. Es riecht herrlich. Ich greife die volle Tasse, halte einen Moment inne. Dann drücke ich sie schnell meiner Tante in die Hand und will wieder zum Tisch. Pustekuchen. Für den Rest des Tages bin ich nun Kaffeebeauftragter. Für sämtliche Gäste. Wollen die mich foltern?

Am Ende des Festes habe ich mindestens 15 Cappuccino zubereitet. Keinen einzigen für mich. Ich habe einfach gemacht, schnell und ohne viel nachdenken. Nur noch einmal schlafen. Dann gibt’s die Belohnung für diese Tortur.

Tag 46, Ostersonntag, Ende Gelände: Bitter. Sehr bitter. Erst am Nachmittag bin ich mit Papa verabredet. Es ging nicht anders. Aber das halte ich jetzt auch noch durch. Wäre doch gelacht. 

Ich schlurfe in die Küche und mache mir also ein letztes Mal meinen allmorgendlichen Kräutertee. Wir haben uns mittlerweile angefreundet. Trotzdem bin ich froh, wenn wir uns nun eine Weile nicht mehr sehen.

Um 15 Uhr reißt mich der Wecker aus meinem kleinen Mittagsschläfchen nach dem üppigen Osteressen. Ich stürme auf, jetzt geht’s zu Papa! Ich bin aufgeregt. Wie wird die erste Tasse schmecken? Wird das der beste Kaffee, den ich je getrunken habe? Was, wenn die Maschine spontan wieder kaputt ist? Ohje. Nicht an sowas denken!!

„Die Sonnenbank können wir leider vergessen“, sagt Papa und deutet auf die dunklen Wolken über der Einfahrt, die so aussehen, als fingen sie jeden Moment wieder zu weinen an. „Macht nix“, sage ich und schiebe mich an ihm vorbei ins Haus, streife schnell meine Schuhe ab, schlüpfe aus der Jacke. In der Tür zur Küche bleibt er stehen, er dreht sich zu mir um und fragt grinsend: „Magst an Kaffee?“ – „Ja“, antworte ich laut und lächelnd und drängele in die Küche.

Papa lässt meine Tasse bis zur Hälfte mit Milchschaum volllaufen, dann platziert er sie unter die Kaffeedüsen und drückt einen Knopf. Die Maschine brummt. Und brummt. und brummt. Heute macht sie’s besonders spannend. Eine Drama-Queen eben. Zwei dunkle Tropfen fallen auf den weißen Schaum. Pause. Dann erst rinnen die zwei Espressi am Stück in meine Tasse. Papa rührt einen kleinen Löffel Zucker hinein und reicht mir das Porzellan.

Die dramatischen Szenen aus Papas Kaffee-Küche (Ton an):

Wir setzen uns aufs Sofa, ich schließe die Augen und rieche an meinem Getränk. Mmmmh. Papa und ich prosten uns zu. Zur Feier des Tages. Ich setze die Tasse an und lasse den heißen Kaffee in meinen Mund laufen. Sofort erinnere ich mich an den Geschmack. Zwischenzeitlich dachte ich ja mal, ich hätte längst vergessen, wie Kaffee schmeckt. Ha! ich weiß es noch genau. So bitter und süß zugleich, einfach toll. 

So sah sie aus, die erste Tasse Kaffee nach der harten Fastenzeit.
So sah sie aus, die erste Tasse Kaffee nach der harten Fastenzeit.

Stumm nehme ich gleich noch einen Schluck. Und noch einen. Papa beobachtet mich grinsend. „Und?“ – „Mega“, sage ich. Ich trinke die Tasse quasi in einem Zug leer. „Noch einen“, fragt Papa. „Bitte“, sage ich. Das habe ich mir verdient. Ich grinse triumphierend.

Mein Fasten-Fazit: 

Ich hab’s gemacht: 45 Tage ohne Kaffee, ganz und gar, kein einziger Schluck, nicht mal ein Fingerhut voll. Nie hätte ich gedacht, dass es so hart wird. Doch vor allem die ersten drei Wochen waren heftig. Es dauert eben, bis sich Körper und vor allem Kopf umgewöhnen. 

Die letzten drei Wochen dagegen waren relativ entspannt. Nur in Ausnahmesituationen, im Biergarten in der Sonne sitzend, beim gemütlichen Geburtstagsbrunch, oder nach einer Partynacht, sehnte ich mich noch nach meinem Lieblings-Heißgetränk. Aus meinem Alltag hatte ich den Kaffee längst verbannt.

Ein bisserl was von dieser Einstellung will ich nach meinem Fasten-Experiment beibehalten. Mein Vorsatz für die Zukunft: Bewusster Kaffee trinken. Das heißt: Die abgestandene Plörre in der Arbeit bleibt tabu, ab sofort gibt’s nur noch frische Ware. Außerdem trinke ich nur noch maximal zwei Tassen pro Tag mit jeweils nur noch einer Löffelspitze Zucker. Vielleicht kann ich den Zucker bald sogar ganz weglassen.

Stattdessen werde ich mir häufiger mal eine Tasse Tee kochen und weiterhin so viel Wasser trinken, wie in den letzten Wochen.  
Fasten. Irgendwie hat’s echt Spaß gemacht. Kaum zu glauben. Aber es ist die Selbstbeherrschung, die einen am Ende richtig stolz macht. Sich selbst etwas zu verbieten, bringt einen auch gleichzeitig  dem Erdboden wieder ein bisschen näher. Schadet sicher niemandem.  
Nächstes Jahr mach ich’s wieder. Das ist nach diesem Erfolg sicher. Ich grübele schon, auf was ich 2018 verzichten werde. Fleisch? Alkohol? Autofahren? Mal sehen. 
Und während ich mein Fazit getippt habe, schlürfte ich natürlich eine Tasse feinen Cappuccino. Vom Café nebenan. 
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